junge Welt  Interview

14.10.2000

 

Gibt es einen Volksaufstand in Palästina?
junge Welt sprach mit Mahmud Ala-Eddin

* Mahmud Ala-Eddin ist stellvertrender Generaldelegierter Palästinas in Deutschland

F: Die israelische Armee hat am Donnertag mit dem Beschuß von Einrichtungen der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordan und Gaza begonnen. Barak sprach am Abend von »begrenzten Strafaktionen«. Wie sehen Sie diese Aktion?

Diese Entwicklung zeichnete sich schon vor zwei Wochen ab, als Ariel Scharon die Al-Aqsa- Moschee betrat. Das war eine klare Provokation gegen die Palästinenser. Unser Volk hat gegen diesen Besuch demonstriert, aber die israelische Armee war darauf vorbereitet und ging massiv gegen die Demonstranten vor. Dadurch sind die Emotionen bei Arabern und Moslems so hochgekocht, und es fanden zahlreiche Proteste in der gesamten arabischen Welt statt. Trotzdem setzte die israelische Armee die Beschießung der Zivilbevölkerung fort. In dieser Situation tragen auch die langjährige Hinhaltetaktik der israelischen Regierung, die Nichtumsetzung der vereinbarten Abkommen und die alltägliche Repression zu der Eskalation bei. Die Menschen haben also gegen die Ermordung von jungen Leuten, unter ihnen zahlreiche kleine Kinder, demonstriert. Die israelischen Checkpoints wurden mit Steinen beworfen, die Soldaten schossen mit scharfer Munition zurück. Der Krieg ist von seiten der Israelis erklärt und geschürt worden. Sie wollen ihre Vorstellung von Frieden offenbar durch das Militär erreichen. Aber was für ein Frieden wäre das?

F: Die Person Yassir Arafat steht für den Friedensprozeß im Nahen Osten. Welchen Einfluß hat Arafat noch?

Arafat ist der gewählte Präsident der Palästinenser. Aber wenn das ganze palästinensische Volk innerhalb der besetzten Gebiete demonstriert, seine Gefühle zeigt, und sie, während sie noch ihre Leute zu Grabe tragen, erneut beschossen werden, dann kann auch Yassir Arafat die Masse nur schwer zurückhalten. Aber er ist immer noch Herr der Lage und ist nicht handlungsunfähig.

F: Die Frage nach der Kontrolle stellt sich vor allem, weil die israelischen Soldaten am Donnerstag ermordet wurden, nachdem sie sich schon in Gewahrsam der palästinensischen Sicherheitskräfte befanden.

Ja, aber sie wurden von der aufgebrachten Menge umgebracht. Vor drei Tagen gab es einen Vorfall, bei dem Sondereinheiten der israelischen Armee, die innerhalb der palästinensischen Gebiete operieren, einen Palästinenser verhaftet, gefoltert und ermordet haben. Sein Leichnam wurde auch auf Straße geworfen. Die Ermordung der beiden Soldaten ist also eine Reaktion auf das Vorgehen der israelischen Armee. Natürlich kann man eine solche Tat nicht akzeptieren, aber sie wurde ja auch nicht von den Behörden oder der Polizei ausgeführt. Die palästinensischen Polizisten haben ja sogar versucht, diese israelischen Soldaten zu schützen. Aber gegen eine aufgebrachte Menge von Tausenden Menschen kann man nicht so viel unternehmen.

F: Unter welchen Bedingungen wäre eine Rückkehr an den Verhandlungstisch vorstellbar?

Wir fordern, daß der Weltsicherheitsrat eine Resolution verabschiedet und eine Untersuchungskommission in der Region etabliert.

F: Das lehnt Barak aber ab.

Das hat Barak natürlich abgelehnt. Nur, wenn die israelische Armee die Angriffe auf die Zivilbevölkerung und die palästinensischen Städte beendet, ihre Soldaten, Panzer und Hubschrauber in die israelischen Kasernen zurückschickt und den Belagerungszustand um die palästinensischen Städte aufhebt, kann man wieder zum Gespräch kommen. Mit dem Bajonett auf der Brust werden wir aber nicht verhandeln.

F: Die Solidarisierung mit den Palästinensern ist in der gesamten arabischen Welt sehr groß. Hat der Konflikt die Grenzen der palästinensischen Gebiete und Israels nicht schon lange überschritten?

Noch nicht, aber die arabische Bevölkerung ist überall in Aufruhr. Die Menschen erwarten eine Lösung des Problems und vor allem der Jerusalem-Frage, die alle Araber und Moslems betrifft.

F: Die Proteste gehen also nicht nur von den Palästinensern, sondern auch von der Bevölkerung in anderen Regionen des Nahen Ostens aus?

Ja, in allen arabischen Ländern, in Ägypten und Syrien, im Libanon, Irak und in Tunesien finden Demonstrationen statt. Ägypten hat nun zu einem Gipfeltreffen gerufen, wo die arabischen Staats- und Regierungschefs eingeladen sind, um mit einer einheitlichen Stimme zu sprechen.

F: Also hat der Konflikt die Grenzen der unmittelbaren Krisengebiete schon überschritten?

Das hat er, ja.

F: Sie vertreten die Palästina in Deutschland. Welche Rolle spielen Deutschland und Europa neben den USA im Nahen Osten?

Die Bundesrepublik Deutschland hat nach dem Osloer Abkommen von 1993 einen großen Beitrag beim Wiederaufbau der palästinensischen Infrastruktur geleistet. Wir sind dafür sehr dankbar. Nur wird diese Infrastruktur nun von der israelische Armee wieder zerstört. Die Europäer haben im Nahen Osten aber auch auf politischen Ebene mit Appellen an die israelische Regierung einen wichtigen Beitrag geleistet. Die Amerikaner haben aber ein größeres Gewicht. Zur Zeit wirken sie nur halbherzig auf Israel ein. Von der Europäischen Union erwarten wir nun mehr Druck. Sie haben ja auch Interessen im Nahen Osten.

Interview: Harald Neuber