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06.10.2000
Belfaster Zustände in der Save-Stadt
Parlament besetzt. Jugoslawiens Opposition rief zum Sturm in Belgrad. Von Rüdiger Göbel

Wenn er nicht zurücktritt, gibt es ein Blutbad«, zeichnet Otpor- Aktivist Branko Ilic für die Westpresse die Entwicklung in Jugoslawien in den kommenden Tagen vor. Dem Präsidenten Slobodan Milosevic wünscht er das Ende des rumänischen Staatschefs Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena an den Hals. Beide wurden nach einem Schnellprozeß vor zehn Jahren hingerichtet.

An die 200000 Demonstranten aus ganz Jugoslawien dürften am Donnerstag nachmittag dem Ruf der »Demokratischen Opposition Serbiens« (DOS) in die Innenstadt Belgrads gefolgt sein. Genau sagen kann es niemand. Der Platz vor der Skupstina und die Zufahrtsstraßen waren um 15 Uhr gut gefüllt. Einzig vor dem Parlamentsgebäude hatten etwa 200 Polizisten Position bezogen, nachdem schon am Vormittag einige Aktivisten der »Widerstandsgruppe Otpor« versucht hatten, das Gebäude zu stürmen. Unter Einsatz von Tränengas wußten die Sicherheitskräfte das provokative Ansinnen zunächst zu verhindern.

Am Nachmittag drangen schließlich Demonstranten gewaltsam in die Skupstina ein und warfen Milosevic-Bilder aus den Fenstern. »In diesem Augenblick regiert der Terror in Belgrad«, hieß es im serbischen Staatsfernsehen (RTS), »sie (die Demonstranten) greifen jeden an, den sie auf der Straße treffen«. Später sollten Parlament wie RTS-Gebäude brennen. Die Saat von Zoran Djindjic, dem heimlichen Chef von DOS und Mann hinter Kostunica, scheint aufzugehen. Er hatte auf die Gewalt der Straße zur Erlangung seines Zieles - die Absetzung von Slobodan Milosevic - gesetzt. Die US- amerikanische Nachrichtenagentur AP gab denn auch in einem Korrespondentenbericht den Ort des Geschehens einem Freudschen Versprecher gleich mit dem bürgerkriegsgeplagten »Belfast« an.

Seit Tagen fordern Zehntausende Demonstranten in Jugoslawien die Anerkennung des selbstproklamierten Wahlsieges von Oppositionskandidat Vojislav Kostunica bei den Präsidentschaftswahlen vom 24. September. Milosevic werfen sie vor, die Ergebnisse des Urnenganges manipuliert zu haben. Das prowestliche Oppositionsbündnis DOS hatte dem amtierenden Präsidenten ein Ultimatum bis 15 Uhr am Donnerstag für den Rücktritt gesetzt. »Dieses Feuer wird ganz Belgrad erfassen«, meinte Oppositionspolitiker Vladan Batic erstaunlich vorausschauend im Vorfeld der Randale in Belgrad.

Unterdessen hatte das jugoslawische Verfassungsgericht in der Nacht zu Donnerstag für die Opposition unerwartet die Wahlen vom 24. September teilweise annulliert. Der Vorsitzende des höchsten Gerichts, Milutin Srdic, forderte danach eine Neuauflage der Präsidentschaftswahl. »Wir werden noch mal von vorne beginnen, unsere Entscheidung ist endgültig«, sagte er laut der bosnischen Agentur SRNA, die sich auf ein Statement des Richters gegenüber dem Budapester Büro von Radio Free Europe berief.

Einigermaßen überrascht von der richterlichen Zustimmung zu seiner Wahlbeschwerde war das Oppositionsbündnis. Die Reaktion war gewohnt autistisch: Djindjic wie Kostunica sprachen von einem »neuen Trick Milosevics«, der »nur Zeit schinden wolle«. DOS beharrt auf ihrem »Wahlsieg« in der ersten Wahlrunde, und Oppositionspolitiker Goran Svilanovic erklärte: »Wir haben unseren gewählten Präsidenten.« Dessen »Sieg« lassen die hohen Herren von DOS nun auf den Straßen Belgrads durchsetzen.

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