junge Welt Ausland

26.09.2000
NATO-Staaten schließen den Ring
Truppen werden um Jugoslawien konzentriert. Drohung mit Militärschlag

Schon vor Abschluß der Wahl in Jugoslawien am Sonntag riefen NATO und EU gemeinsam mit der von ihnen teuer bezahlten jugoslawischen Opposition »Wahlbetrug«. Denn falls der NATO-Kandidat Kostunica verlieren sollte, dann wäre die Wahl von Milosevic manipuliert und könne folglich von EU und NATO nicht anerkannt werden. Um dies auch durchzusetzen - so die Überlegung der westlichen Wertegemeinschaft - mußte die NATO erneut ihre humanitäre Kriegsmaschine rund um Jugoslawien konzentrieren und in Alarmbereitschaft versetzen.

Der französische Außenminister ließ Sonntag nacht noch über Radio Monte Carlo wissen, daß seine EU-Amtskollegen noch spätabends in einer Telefonkonferenz beraten hätten, wie zu reagieren sei, »falls Präsident Milosevic die Wahlen mit unfairen Mitteln gewinnen sollte«. Wobei natürlich jedem der Beteiligten von vornherein klar war, daß Milosevic mit nichts anderem als nur mit unfairen Mitteln gewinnen konnte, schließlich hatten EU und USA nicht umsonst mindestens 75 Millionen Dollar Wahlhilfe an die korrupte Opposition gezahlt und noch größere Versprechungen gemacht, die Jugoslawen sollten sich in der Wahl für den von der NATO ausgewählten Kandidaten entscheiden.

Daß die militärische Friedensintervention gegen Belgrad jederzeit wieder aufgenommen werden kann, das macht die NATO mit ihrem Zusammenzug militärischer Mittel rund um Jugoslawien deutlich. Damit in Belgrad die Friedensbotschaft der westlichen Humanisten nicht mißverstanden wird, hat NATO-Generalsekretär Lord Robertson Präsident Milosevic bereits mit militärischen Aktionen gedroht, »falls er bei den Wahlen betrügt«. Er warnte, daß sich die »Truppen der westlichen Allianz auf dem Balkan in Alarmbereitschaft befinden«. Zu diesem Zweck hatte die NATO rechtzeitig zur Wahl die größte See-Armada seit ihrem ersten Angriff auf Jugoslawien im Mittelmeer zusammengezogen. Der britische Premier Tony Blair, der sich mit seinem militaristischen Humangesülze längst einen festen Platz im Himmel der Neuen Weltordnung gesichert hat, sandte als »Botschaft an Präsident Slobodan Milosevic« den britischen Flugzeugträger »Invincible« und den Hubschrauberträger »Ocean« ins Mittelmeer, wo sie auf eine amerikanische Schlachtschiffgruppe stoßen werden.

Am Montag berichtete die britische Tageszeitung The Independent, daß es unlängst während einer Beratung einer britischen Luftlandebrigade, die Teil der schnellen Eingreiftruppe der NATO ist, darum ging, die Chancen für eine militärische Operation in Montenegro zu erörtern, wozu auch die Einnahme von Flugplätzen und anderen strategisch wichtigen Punkten gehört.

In den nächsten Tagen soll außerdem ein gemeinsames kroatisch-amerikanisches Seemanöver vor der montenegrinisch-kroatischen Küste stattfinden, bei dem die US-Marines auch amphibische Landungen üben sollen. Weitere Manöver sind für französische und niederländische Schiffe geplant. Zugleich halten sich hartnäckig aus Bulgarien kommende Gerüchte, daß die USA im Rahmen des großangelegten NATO-Manövers »Trans-Carpathia 2000« unter Beteiligung der NATO-Verbündeten Ungarn und Polen und neun weiterer »NATO-Partnerländer«, einschließlich Kroatiens und Rumäniens, von bulgarischem Territorium aus Angriffe auf Südserbien planen, um von dort aus zu den im südöstlichen Kosovo stationierten US-Einheiten durchzustoßen. »Trans-Carpathia 2000« begann am 20. 9. und soll bis 29. 9. dauern.

Rainer Rupp

© junge Welt