junge Welt Ausland

21.10.2000
Stumme Krise in Osteuropa
Armut in den letzten zehn Jahren verzehnfacht

Mit der Hiobsbotschaft, daß mindestens 50 Millionen Kinder in Osteuropa und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in tiefster Armut leben, alarmierte kürzlich ein Bericht des in London angesiedelten »European Children's Trust« das satte westeuropäische Bürgertum. Viele der Kinder, so die britische Untersuchung, leiden unter ansteckenden Krankheiten wie Tuberkulose, die in Osteuropa mittlerweile wieder so verbreitet ist wie sonst nur noch in Entwicklungsländern der Dritten Welt.

Der unter dem Titel »Stumme Krise« erschienene Bericht nennt auch den Grund für den Rückfall von Millionen auf das Niveau von Entwicklungsländern: Wegen radikaler Kürzung der Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Soziales durch die neuen bürgerlichen Regierungen hat sich seit dem Zusammenbruch der Warschauer Vertragsstaaten vor mehr als zehn Jahren die Armut in der Region mehr als verzehnfacht und in einigen Fällen sogar »katastrophale Ausmaße« angenommen. »Trotz seiner vielen Fehler hat das alte (kommunistische) System den meisten Menschen einen vernünftigen Lebensstandard und eine gewisse Sicherheit gegeben«, heißt es in der Studie dazu wörtlich. Ingesamt fallen 160 Millionen Menschen, etwa 40 Prozent der Bevölkerung der Region, unter die Armutsgrenze. Mindestens 40 Millionen Kinder leben in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in absoluter Armut, weitere zehn Millionen in den anderen Ländern Osteuropas.

Die Kindersterblichkeit erreichte 1998 in der untersuchten Region mit einer Rate von 26 Toten bei 1 000 Geburten fast das Niveau von Südamerika und der Karibik, wo sie 32 zu 1 000 beträgt. In den USA lagen die Vergleichsdaten bei 7,2 zu 1 000. Die Rate der Tuberkulosefälle in Osteuropa ist auf durchschnittlich 67,6 Fälle pro 1 000 Einwohner gestiegen. In der Tschechischen Republik liegt sie bei 20, in Litauen, Turkmenistan, Lettland und Rußland bei 80 und in Georgien sogar bei 150 zu 1 000.

»Die Zeit wird knapp«, heißt es in dem Bericht. Die Tatsache, daß es bisher noch nicht zu einem totalen Zusammenbruch der sozialen Strukturen in diesen Ländern gekommen ist, ist hauptsächlich der Widerstandsfähigkeit der Menschen dort zu verdanken. »Aber sie können nicht auf Dauer so weiter leben.« Eine düstere Perspektive demnächst auch für Jugoslawien?

Rainer Rupp

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