junge Welt Ausland

12.10.2000
»Dann fängt der Ärger an«
NATO rechnet mit Eskalation im Kosovo. Kostunica fordert Rückkehr in Provinz

Am Dienstag waren die Verteidigungsminister der NATO- Staaten im britischen Birmingham zu informellen Beratungen über die Lage im Kosovo nach dem Sturz des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic zusammengekommen. Dabei meinte der Generalsekretär der Militärallianz, Lord George Robertson, es sei noch zu früh zu sagen, welchen Einfluß die Veränderungen in Belgrad tatsächlich hätten. Robertsons Reserviertheit deutet an, daß die NATO die neue Regierung in Belgrad noch lange nicht im Griff hat.

Mit gewisser Sorge wird die Entwicklung im Kosovo verfolgt. Dort wächst die Sorge der albanischen Gewaltseparatisten, die Zuneigung der NATO zu Gunsten Jugoslawiens zu verlieren. Gemäß UNO-Resolution 1244 hätten bereits seit Sommer dieses Jahres jugoslawische Polizei- und Militäreinheiten ins Kosovo zurückkehren dürfen. Der neue Präsident Vojislav Kostunica besteht auf Einhaltung der Resolution. Bisher war dies formal am Einspruch von UNMIK-Chef Bernard Kouchner gescheitert, hinter dem sich jedoch lediglich die NATO-Politik versteckt hatte. Nun sind die Karten neu verteilt und auch der serbophobe Kouchner soll schon bald seinen UNMIK-Posten verlassen. Selbst die offensichtlichste Westmarionette Zoran Djindjic erklärte am Dienstag in einem Interview mit der Belgrader Tageszeitung Vecernje Novosti, daß »bis zum Ende des Jahres 1200 Mann unserer (serbischen) Polizei und unseres Militärs wieder im Kosovo sind, um dort die Grenze nach Albanien zu kontrollieren«.

Alle jugoslawischen Versuche, Polizei oder militärische Einheiten wieder ins Kosovo zurückzubringen, würden »einen neuen Krieg« entfachen, bei dem sich die NATO »zwischen den Fronten wiederfinden würde«, warnte der zum Politiker mutierte einstige UCK-Chef Hashim Thaci. Auch der als gemäßigt geltende Ibrahim Rugova versucht, in Vorbereitung der Kommunalwahlen im Kosovo am 28. Oktober Wert auf aggressivere Töne zu legen. »Kosovo wird den Weg in die Unabhängigkeit gehen«, ist mittlerweile die feste Überzeugung der Kosovo-Separatisten. Das widerspricht der UNO- Resolution 1244 und auch den politischen Zielsetzungen der EU-Regierungen, die sagen, keinen gefährlichen Präzedenzfall in Europa in bezug auf Anerkennung von gewaltsam veränderten Grenzen schaffen zu wollen. Während die EU sich zu Zeiten Milosevics in dieser Sache aus taktischen Gründen eher ambivalent gezeigt hatte, liegt es nahe, daß sie in ihrer Absicht, die neue Regierung in Belgrad ins europäische Boot zu ziehen, diese nicht durch die Unterstützung der Unabhängigkeit Kosovos verärgern wird.

Gegenüber der britischen Tageszeitung The Telegraph äußerte kürzlich ein hoher Offizier der NATO-geführten Kosovotruppen seine Sorge, daß das von der Allianz ursprünglich unterstützte und immer noch bezahlte »Kosovo- Schutzkorps« seine Maske fallen lassen und sich wieder zur alten UCK formieren könnte, um diesmal die neue Besatzungsmacht zu bekämpfen, nämlich die NATO. »Ich glaube, daß, sobald der Westen ein demokratisches Jugoslawien unterstützt, wir mit dem Kosovo Schutz Korps große Probleme haben werden«, ergänzte der britische KFOR-Offizier. »Im Augenblick sind sie (die Albaner) alle davon überzeugt, die Unabhängigkeit zu erhalten. Sobald klar wird, daß das nicht passiert, wird der Ärger anfangen.« Entgegen seiner früheren Andeutungen hat nun selbst UNMIK-Chef Bernard Kouchner öffentlich erklärt, daß die Unabhängigkeit des Kosovo überhaupt nicht in Frage käme. In Birmingham beschlossen die NATO-Minister trotzdem, den Einsatz im Kosovo mit zur Zeit 36000 Soldaten fortzuführen. So könnte die NATO doch noch ihren Bodenkrieg bekomme, nur nicht gegen die Serben, sondern gegen die UCK.

Rainer Rupp

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