junge Welt Interview

28.09.2000
Warum akzeptieren Sie das Wahlergebnis nicht?
junge Welt sprach mit Zoran Djindjic

* Zoran Djindjic ist Vorsitzender der Demokratska Stranka. Die »Demokratische Partei« gehört dem Bündnis »Demokratische Opposition Serbiens« (DOS) an. Djindjic leitete den Wahlkampf des DOS-Präsidentschaftskandidaten Vojislav Kostunica. Auf die Fragen von junge Welt antwortete er unmittelbar nach der DOS-Pressekonferenz am späten Dienstag abend. Aufgrund des großen Journalistenandrangs konnte das Interview nur sehr kurz geführt werden

F: Warum akzeptiert die »Demokratische Opposition Serbiens« (DOS) nicht das von der Bundeswahlkommission bekanntgegebene Ergebnis der Wahlen in Jugoslawien? Ihr Kandidat Vojislav Kostunica liegt mit 48 Prozent der Stimmen deutlich vor dem amtierenden jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic (40 Prozent). Die Chancen, daß Sie im zweiten Wahlgang gewinnen, sind doch recht groß.

Wir werden das Ergebnis der Wahlkommission nicht akzeptieren, bis sie uns Einblick in das Wahlmaterial nehmen läßt. Wir haben das Recht dazu. Wenn sie das nicht gestatten, dann ist das reinster Betrug. Wir werden die Leute auf die Straße rufen und mit politischen Mitteln, das heißt mit Demonstrationen, dagegen kämpfen. Wir wollen sehen, wie sie diese Resultate kreiert haben. Die Menschen sind jetzt sehr irritiert. Wir tragen keine Verantwortung dafür, was nach dieser Entscheidung passieren wird.

F: Was wird denn passieren? Wird es zu einem zweiten Wahlgang kommen und hat Milosevic überhaupt eine Chance zu gewinnen?

Wir werden an einem zweiten Wahlgang nicht teilnehmen. Ich bin aber überzeugt, daß ich Milosevic in 20 Wahlgängen schlagen würde. Wir dürfen das aber nicht machen. Die Leute haben ihre Entscheidung getroffen, und die sollte nun auch akzeptiert werden. Man kann mit ihnen doch nicht wie mit Kartoffeln umgehen und hier mal 100000 wegnehmen und da mal 200000 hinzugeben. Das schadet der Demokratie. Wir müssen den Volkswillen verteidigen.

F: Woher wollen Sie wissen, daß es zu Manipulationen gekommen ist?

Wir haben 98,5 Prozent der Wahlprotokolle von den insgesamt 9000 Wahllokalen physisch in Besitz. Es ist nicht möglich, daß 400000 Stimmen (von Kostunica) verschwunden und 200000 (für Milosevic) dazugekommen sind. Es kann sein, daß Milosevic nun sagt, 200000 Albaner im Kosovo hätten für ihn gestimmt. Aber die 200000 Albaner können Kostunica nicht 400000 Stimmen nehmen. Wir haben die physischen Resultate der Wahl, sie nicht. Und wir haben das Volk, das seine Stimmen verteidigen wird.

F: Gibt es denn keine DOS-Vertreter in der Bundeswahlkommission?

Doch. Aber diese Kommission hatte in den letzten 24 Stunden keine Sitzung. Unsere Kommissionsmitglieder wurden vom Präsidenten zusammengerufen. Die Resultate haben sie nur als Statement und nicht als Bericht auf der Basis des Wahlmaterials erhalten. Sie haben das Wahlmaterial verlangt. Ihnen wurde gesagt, das würden sie rechtzeitig erhalten.

F: Warum schöpfen Sie nicht erst die rechtlichen Möglichkeiten aus, bevor Sie zu Protesten mit nicht absehbarer Gewalteskalation aufrufen?

Was sind für Sie rechtliche Möglichkeiten?

F: Sie können die Wahlergebnisse vor Gericht anfechten.

Es gibt die Möglichkeit, Milosevic anzurufen und sich bei ihm zu beschweren. Er ist die Wahlkommission, und er ist auch das Gericht. Doch wir haben die Fakten, und wir haben das Volk. Und wir dürfen das Volk nicht so mißhandeln. Wir sind nicht Geisel einer Person. Wir hatten Wahlen, wir haben die Ergebnisse und Beweise für diese. Wir sind ein normales Land und nicht Disneyland. Das alles ist kein Spiel.

Interview: Rüdiger Göbel, Belgrad

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