junge Welt Ausland

07.10.2000
Auf den Straßen von Belgrad
Opposition hat nach zehn Jahren Ziel erreicht. Geteilte Stimmung in der jugoslawischen Hauptstadt

Drei Menschen starben und mehr als hundert wurden in Belgrad bei den Auseinandersetzungen zwischen aufgebrachten Demonstranten und jugoslawischer Polizei am Donnerstag zum Teil schwer verletzt . Das alte Parlamentsgebäude, die Skupstina, und die Zentrale von RTS, dem serbischen Staatsfernsehen, in der Takovska-Straße, wurden zerstört und in Brand gesetzt. Das ist die düstere Bilanz des »friedlichen Protestes«, zu dem die »Demokratische Opposition Serbiens« (DOS) die Bürger aus dem ganzen Land aufgerufen hatte.

Seit Tagen hatte DOS den Sieg für ihren Kandidaten Vojislav Kostunica bei den Präsidentschaftswahlen am 24. September beansprucht und den Abgang des gegenwärtigen Staatschefs, Slobodan Milosevic, gefordert. Mehrere hunderttausend Menschen waren am Donnerstag in die Weiße Stadt an der Donau geströmt, den »Sieg« ihres Kandidaten zu »verteidigen«. Die als »friedlich« angekündigte Manifestation begann schon vor ihrem offiziellen Auftakt mit Gewaltausbrüchen und Vandalismus. In einem zweiten Anlauf gelang es den Demonstranten, am Nachmittag die Skupstina zu stürmen und in Brand zu setzen. Das benachbarte RTS- Gebäude fiel kurz darauf.

Erst in der Nacht zu Freitag wandte sich Vojislav Kostunica vom Balkon des Parlamentsgebäudes der Bevölkerung zu. Mit ihm als »neuem Präsidenten Jugoslawiens« werde für die Menschen in Serbien ein »neues Leben beginnen«. »Ich habe die Zusage aus höchsten Kreisen der Europäischen Union, daß am Montag die Sanktionen gegen Serbien aufgehoben werden, weil das Land der ganzen Welt sein demokratisches Gesicht gezeigt hat«, versprach er seinen jubelnden Zuhörern. Lautstark machte er klar, daß der Westen die gewaltsame Machtübernahme durch die DOS solange als »demokratisch« betrachten werde, bis Slobodan Milosevic aus dem Weg geräumt sei. Brennende Staatsgebäude hin, gewaltsam besetzte Rundfunkgebäude her. Der »unabhängige« Radiosender Index strahlte umgehend ein Statement des britischen Außenministeriums aus: »Wir unterstützen die Menschen Jugoslawiens im Ansinnen für einen demokratischen Neubeginn. Es ist Zeit für Milosevic zu gehen.«

Nach einem Aufruf der DOS-Führung, die Versammlung die Nacht über nicht zu verlassen, die Stadt nicht weiter zu demolieren und nicht allzuviel Alkohol zu trinken, verbrachten Zehntausende aus ganz Serbien und Belgrad die Stunden bis Freitag früh vor der Skupstina. Im gesamten Stadtzentrum waren weder Polizei noch Armee zu sehen.

Doch die anfängliche Euphorie, die die Menschen während des Tages auf ihrer Siegeswelle getragen hatte, ließ allmählich nach. Es gab keine großartigen Siegesfeiern oder Freudenfeuer, die angesichts der »Selbstbefreiung« zu erwarten gewesen sein müßten. Viele Menschen auf den Straßen Belgrads machten eine erstaunlich ernste Miene angesichts dieser »demokratischen Nacht«.

Für die meisten ist die gegenwärtige Situation alles andere als klar und viele fragen sich, wie es nun weitergehen wird. Und schließlich plagen sich einige auch mit dem Rauch, der immer noch vom RTS-Gebäude aufsteigt. In der Kosovska- Straße hinter der Skupstina brennt das Tränengas in den Augen und eine Reihe von Polizeifahrzeugen brennt weiter vor sich hin. Die Fenster des Parlamentes sind allesamt eingeschlagen, das Gebäude liegt im Dunkeln. Ein Otpor- Aktivist steht davor, hält in der einen Hand eine Flasche Rakija und in der anderen etwas, das verdächtig an die Sessel in der Skupstina erinnert.

»Vielleicht hätten wir das nicht tun sollen. Schau dir den Rauch an, das ist unsere Stadt und Milosevic ist das nicht wert«, meint ein junger Student an der anderen Ecke. »Wenn ein paar brennende Gebäude reichen, Milosevic zum Gehen zu bewegen, dann laß sie brennen«, entgegnet dem Skeptiker ein Kommilitone. Auf den Straßen laufen immer noch Jugendliche mit DOS-Parteifahnen und skandieren »Otpor, gotov je - Widerstand, er ist fertig!«. Autofahrer begrüßen sie mit lautem Hupen. »Was wir heute tun, ist Geschichte, geschrieben vom Volk allein, ohne irgendeine Unterstützung«, wird Vojislav Kostunica später die rasante Entwicklung dieses Donnerstages verklären.

Doch in der Zwei-Millionen-Stadt an der Donau sind bei weitem nicht alle Menschen auf den Straßen, nicht alle jubeln an den Fenstern oder auf den Balkonen. Und wenn die DOS- Führer im Verein mit den westlichen Regierungen immer wieder von den »Menschen Serbiens« schwärmen, dann vergessen sie, daß die »Menschen« dieses Landes nicht nur die Anhänger der Oppositionsparteien und ganz sicher nicht nur diejenigen sind, die am Donnerstag auf den Straßen der jugoslawischen Haupstadt waren.

Zu den »Menschen Serbiens« gehören auch diejenigen, die an diesem Tag und in der Nacht zu Freitag zu Hause blieben, verängstigt darüber, wie weit der Gewaltausbruch gehen wird. Sie fragen sich mit Sorge erfüllt, was aus diesem Land werden wird, wenn es in den Händen derjenigen ist, die mit dem Geld und der Unterstützung des Westens an die Macht gekommen sind.

Doch für den Augenblick haben die serbische Oppositionsführer jeden Grund für Euphorie und Siegesfeiern. Am Ende haben sie erreicht, was ihnen die letzten zehn Jahre nicht gelang: Auf den Straßen Belgrads kamen sie an die Macht.

Tanja Djurovic, Belgrad

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