junge Welt Interview

07.10.2000
Feiert Wirtschaft künftige Gewinne in Jugoslawien?
junge Welt sprach mit Michael Harms

* Michael Harms ist Balkanexperte des Bundes der Deutschen Industrie (BDI) in Belgrad

F: In einer Erklärung des BDI heißt es, »der >Ostausschuß der Deutschen Wirtschaft

Positive Konsequenzen natürlich. Ganz klar hat sie die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen und der Einschluß Jugoslawiens in den Gesamtmechanismus des Balkanstabilitätspaktes zur Folge. Davon wird die deutsche Wirtschaft profitieren.

Andererseits erhofft sich die deutsche Wirtschaft jetzt einen Beginn der Wirtschaftsreform und eine beschleunigte wirtschaftliche Entwicklung in Jugoslawien insgesamt. Das sind hervorragende Bedingungen für ein Engagement der Wirtschaft. Und drittens erwarten wir eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, eine Verminderung der Investitionsrisiken, die bislang in Jugoslawien ja sehr, sehr hoch waren.

F: In welcher Größenordnung wird sich diese »positive Entwicklung« für die deutsche Wirtschaft zeigen?

Meinen Sie Handelsvolumen oder ...

F: ... Handelsvolumen und Gewinne, die daraus resultieren werden.

Das ist sehr schwer einzuschätzen. Eine konkrete Zahl kann Ihnen da niemand nennen. Ich nehme aber mal an, daß wir rasch den Höchststand von 1998 erreichen und auch übertreffen werden. Damals betrug der bilaterale Handelsaustausch 1,7 Milliarden DM.

F: Haben Sie im »Ost-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft« am Donnerstag abend die Champagnerkorken knallen lassen?

... (lacht) - ja, gut, wir waren ja alle schon zu Hause, als die Nachrichten kamen. Wir sind natürlich, wie alle Bürger in Deutschland, sehr froh und sehr, sehr erleichtert. Sie dürfen nicht denken, daß bei uns in Berlin nur die Superkapitalisten sitzen, die als erstes und immer nur an die Gewinnchancen denken. Ich nehme an, wir waren alle erst mal froh, daß es relativ unblutig zu diesem Machtwechsel gekommen ist.

F: Nichtsdestotrotz sind Sie Interessenvertreter des deutschen Kapitals und das sitzt in den Startlöchern. Ist es denn jetzt ein harter Konkurrenzkampf oder ein Wettlauf gegen andere Länder um Jugoslawien?

Ja, ganz deutlich. Das ist völlig richtig. Es ist ein Wettlauf - ein Wettbewerb einmal um die Finanzmittel, die von der internationalen Gemeinschaft im Rahmen des Balkanstabilitätspaktes für verschiedene Projekte zur Verfügung gestellt werden. Es geht darum, hierfür die Ausschreibungen zu gewinnen. Da konkurrieren deutsche Unternehmen ganz klar mit französischen, mit britischen, aber interessanterweise auch mit griechischen oder türkischen, die da sehr stark engagiert sind.

Und es ist natürlich ein Wettbewerb innerhalb privatwirtschaftlicher Projekte, die nicht von der internationalen Gemeinschaft finanziert werden. Auch da ist der deutsche Mittelstand in Jugoslawien sehr engagiert.

F: »Internationale Gemeinschaft« meint doch die Internationale der Steuerzahler, die für die Investitionssummen aufkommen werden?

Letzten Endes natürlich, ja. Aber ich glaube, auch dem Steuerzahler wird Stabilität in diesem Teil Europas am Ende zugute kommen.

Interview: Rüdiger Göbel

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