junge Welt Titel

07.10.2000
Wettlauf nach Belgrad
Deutsche Industrie wittert in Jugoslawien große Geschäfte. Von Rüdiger Göbel

Während in Belgrad in der Nacht zu Freitag der »friedliche Volksaufstand« (Bild) die Ära des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic beendete, dürften in der Berliner Breite Straße 29 die Champagnerflaschen geköpft worden sein. Vom künftigen jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica versprechen sich die Unternehmen der deutschen Wirtschaft, zusammengeschlossen im Branchenverband BDI, dicke Geschäfte und satte Gewinne. »Deutsche Unternehmen stehen seit langem in den Startlöchern«, hieß es denn auch beim Ostausschuß der Deutschen Wirtschaft, einer BDI- Gliederung.

Die Firmen haben seit langem mehrere wichtige Vorhaben »in der Schublade«, so der BDI-Balkanexperte Michael Harms am Freitag. Von »besonderem Interesse« für deutsche Unternehmen seien »Projekte zur Beseitigung von Kriegsschäden und zum Aufbau der Infrastruktur in Jugoslawien«. Der Profit wird mithin aus dem Wiederaufbau dessen resultieren, was mit Beteiligung der Bundeswehr im vergangenen Jahr im NATO-Krieg gegen das Balkanland zerstört wurde. Zerstörung und Wiederaufbau, doppelt finanziert vom hiesigen Steuerzahler, wie BDI-Sprecher Harms gegenüber junge Welt einräumte. Über mögliche Investitionssummen und für die Wirtschaft daraus resultierende Gewinne wollte er sich allerdings nicht äußern. Die Ausgangslage ist gut, schwärmt man in Berlin. Schließlich stammen mehr als 50 Prozent der technischen Ausrüstungen und Anlagen in Jugoslawien aus Deutschland. Allerdings sind diese in den vergangenen zehn Jahren aufgrund der Wirtschaftssanktionen größtenteils nicht erneuert worden, so Harms. »Da gibt es einen enormen Investitionsstau.« Folglich ist der BDI zuversichtlich, im Wettlauf nach Belgrad an der Spitze zu rennen. Deutschland und Jugoslawien hätten früher relativ enge Wirtschaftsbeziehungen unterhalten; hinzu komme die »menschliche Ebene« durch die zahlreichen in Deutschland lebenden Serben.

Ungeachtet der Isolierung Jugoslawiens auf politischer Ebene, Großkonzerne wie Siemens, Krupp und andere haben den Kontakt in das wohl wichtigste Land auf dem Balkan nie abreißen lassen. Für sie locken nun Großaufträge in den Bereichen Infrastruktur, Energie, Transportwesen und Rohstoffe.

Die Öffnung Jugoslawiens ist Chefsache. Bundeskanzler Schröder sagte alle für Freitag vorgesehenen Termine ab, um sich mit den Regierungen der EU-Staaten, der USA und Rußlands über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Bundesregierung wolle sich dafür einsetzen, daß die Europäische Union »den Erfolg der friedlichen Revolution in Belgrad« mit einem wirtschaftlichen »Soforthilfeprogramm« stabilisiert. Zahlen wollte am Freitag in Berlin keiner nennen. Am Montag wollen die Außenminister der EU-Staaten zusammenkommen und eine Teilaufhebung der Jugoslawien- Sanktionen beschließen. Freilich zunächst nur des Öl- und Flugembargos. Letzteres ist ohnehin suspendiert. Vojislav Kostunica habe das Vertrauen der »internationalen Öffentlichkeit«. Er habe sich »für Europa erklärt« und Europa sei jetzt in der Pflicht, »Serbien mit offenen Armen aufzunehmen«, ließ Bundesaußenminister Joseph Fischer in Berlin verlauten.

Die Bedürfnisse vor Ort müßten nun durch Experten der EU und der Weltbank ermittelt werden, sagte der für auswärtige Beziehungen zuständige Kommissar Chris Patten in Edinburgh. Zwar halte die EU-Kommission rund 470 Millionen DM »Soforthilfe« bereit, allerdings fehle noch das grüne Licht der Haushaltskontrolleure.

Last but not least gilt es aber, politische »Investitionshemmnisse« in Jugoslawien abzubauen. Dafür wird der von Vojislav Kostunica am Freitag eingesetzte »Krisenstab« sorgen, der anstelle der gewählten Linksregierung die Amtsgeschäfte übernehmen soll. Der neue Krisenstab der Opposition wird nach Angaben von DOS- Vertreter Velimir Ilic künftig in Übereinstimmung mit Kostunica für alle Schlüsselfunktionen im Land zuständig sein, unter anderem für »Armee, Polizei, Versorgung und die Wirtschaft«. Erntezeit in Belgrad auch für die NATO: Über kurz oder lang wird die Kriegsallianz aus der jugoslawischen Kapitale eine Rechtfertigung für ihre Aggression im Frühjahr 1999 erhalten.

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