junge Welt Kommentar

09.10.2000
Freier Eintritt
Millionen für »unabhängige« Medien in Jugoslawien

Gut 90 Prozent der Journalisten sind Spione«, hatte Goran Matic kurz vor den epochemachenden Wahlen in Jugoslawien getönt. Ein Großteil der westlichen Medienschaffenden ginge nicht seiner eigentlichen Arbeit nach, sondern arbeite gezielt an der Destabilisierung des Landes. Der Informationsminister des ungeliebten Balkanlandes war immer zu haben für markige Sprüche und deftige Verschwörungsszenarien. Indes, so richtig glauben mochte des jungen Ministers Geschichten niemand.

Mit allerlei Freude und Selbstzufriedenheit fördert das Hamburger Magazin Der Spiegel in seiner heutigen Ausgabe zutage, daß das alte Belgrad so falsch in seiner übervorsichtigen Haltung gegenüber der vierten Gewalt nicht lag. Vier Millionen DM, Papier en masse, Druckmaschinen und hochmoderne Sendeanlagen sowie kostenlosen Zugang zu westlichen Nachrichtenagenturen gab es demnach für die »unabhängigen« Medien der Opposition seit Ende letzten Jahres von der Bundesregierung. Diese »Medienhilfe« floß »sehr, sehr heimlich« (Bodo Hombach) über das ZDF, den Bayerischen Rundfunk und die Deutsche Welle nach Jugoslawien, gezahlt wurde vom Bundespresseamt in Berlin. Der Staatssender »Deutsche Welle« investierte 1999 zudem zehn Millionen DM in den Ausbau seines serbischen Programmes. Mindestens 17 Millionen DM brachte das Auswärtige Amt mit Hilfe sogenannter Städtepartnerschaften in die Hände der Milosevic-Gegner.

Doch niemand fragt, wie »unabhängig« und »frei« die euphorisch Gefeierten denn von denen sein können, die mit prall gefüllten Schwarzgeldkoffern hinter ihnen stehen. In Jugoslawien selbst dürfte die Frage auch in naher Zukunft öffentlich nicht gestellt werden. Der Straßenputsch des Zoran Djindjic hob Vojislav Kostunica in den Präsidentensessel und ebnete mit einem Schlag eine plurale Presselandschaft in Jugoslawien ein. Man konnte von den serbischen Staatsmedien halten was immer man wollte - zweifelsohne, es lag vieles bei ihnen im Argen. In der vom Westen ausgehaltenen starken Oppositionspresse gab es in Jugoslawien aber immer eine zweite Sicht auf die Dinge. In den Rauchschwaden aus dem angezündeten Gebäude des Staatsfernsehens wurde eine kritische Sicht auf den neuen Staatschef und die um ihn gescharte Politikerkaste erstickt. Die neuen Macher von RTS, Studio B und Politika stehen stramm an der Seite einstiger Oppositionsmedien wie Glas und Blic. Die staatliche Nachrichtenagentur Tanjug nennt die neoliberale IWF- Ökonomengruppe G-17-Plus inzwischen einen »unabhängigen Think Tank«. Einheitsbrei à la Associated Press und Reuters nun also auch im Hause des Mosa Pijade. Am Wochenende gab es für die Belgrader erst einmal kostenlos Brot nach den Spielen. Die Kinos der Stadt spielten »Mission Impossible 2«, »Gladiator« und »Der Patriot«. Der Eintritt war frei.

Rüdiger Göbel

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