junge Welt Kommentar

24.10.2000
Geldeintreiber auf der Suche nach dem Lohn
Zoran Djindjic buhlt in Berlin um Hilfe

Er ist der »Denker und Stratege«, der hinter dem Machtwechsel in Jugoslawien steht - pompös wurde Zoran Djindjic angekündigt, als er am Montag zu seiner ersten Pressekonferenz überhaupt seit dem Putsch in Belgrad vor die Journalisten trat. Der Professor dozierte nicht irgendwo, es war im gut gefüllten »Otto Wolff von Amerongen«-Saal im Haus der deutschen Wirtschaft in der Breite Straße 29 zu Berlin, wo er Pro-Seminar-gleich Anekdoten über den hierzulande als »Volksaufstand« gepriesenen Umsturz in der jugoslawischen Hauptstadt zum besten gab. Die Stürmung des Parlamentes, mehrerer Rundfunkanstalten und einer Polizeistation am 5. Oktober war wohlvorbereitet und verschiedenen Gruppen aus allen Landesteilen Serbiens übertragen, erzählte Djindjic selbstverliebt und erfüllt von narzistischem Stolz. Nur weil es im Bündnis der »Demokratischen Opposition Serbiens« (DOS) damals keinen Konsens über eine Machtergreifung auf allen Ebenen gegeben hätte, habe man sich auf Verhandlungen mit den Sozialisten über eine Übergangsregierung eingelassen.

Djindjic ließ keinen Zweifel daran, daß er zu den verhinderten Putsch-Anhängern im heterogenen Oppositionsbündnis gehört - im Gegensatz zum neuen Präsidenten Vojislav Kostunica. So muß sich DOS auf vorgezogene Wahlen zum serbischen Parlament am 23. Dezember einlassen. Die Demokratieübung scheint für Djindjics Mannen noch nicht gewonnen.

Angesichts einer Preissteigerung bei den Grundnahrungsmitteln und im privaten Busverkehr um 300 Prozent sind viele in Jugoslawien diese Tage nicht unbedingt gut auf die vor drei Wochen noch euphorisch gefeierte Opposition zu sprechen. Kurzfristig will die streng neoliberal orientierte DOS deshalb wieder die Preise für einige Lebensmittel einfrieren - ein sozialistisch anmutendes Vorweihnachtsgeschenk, zumindest bis nach den Wahlen.

Damit der neuerliche Urnengang gegen Milosevics Sozialisten gewonnen werden kann, müsse es vom Ausland eine »Finanzspritze« geben. Laut Djindjic laufen derzeit Gespräche über deutsche Gelder für Energie, Heizöl und Medikamente. Mitte November soll erst einmal eine hochkarätig besetzte Delegation der deutschen Wirtschaft in Belgrad künftige Geschäftsbedingungen sondieren.

(rg)

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