UN-Organisationen über die Auswirkungen des Embargos

Eine Zusammenfassung von Untersuchungsberichten

Am 12. August veröffentlichte UNICEF einen weiteren Bericht über die furchtbaren Auswirkungen der Sanktionen. Demnach sind im Irak in den letzten neun Jahren mehr als 1.700.000 Menschen direkt aufgrund der Sanktionen gestorben. 250 Menschen sterben weiterhin jeden Tag. Damit werden jedes Jahr 90.000 Menschen (d.h. 3/4 der Bevölkerungszahl Heidelbergs) ausgelöscht. Jedes Kind im Irak leidet in irgendeiner Form unter Unterernährung. Wegen des kontaminierten Wassers und des Mangels selbst an elementarster Medizin kann schon eine simple Schnittwunde jederzeit zum Tod führen.

Ein ununterbrochener Niedergang

Ich bin jedesmal von Neuem über den Niedergang des Landes erschrocken. Jedesmal gibt es neue grauenhafte Dinge. Im März war es die tägliche Bombardierung der Infrastruktur. Es gab praktisch keine Elektrizität mehr. Viele Leute können sich keine Kerzen leisten und verwenden behelfsmäßige Lampen. Sie stecken einen Lumpen in eine Flasche mit Öl, und solche Flaschen platzen dann häufig. Von daher stammende Verletzungen haben rasend zugenommen. Die Verbrennungen sind furchtbar, und es gibt keine Möglichkeit, sie zu behandeln (Felicity Arbuthnot)

Laut UNICEF starben 1994 bis 1999 in dem von 85 Prozent der Iraker besiedelten Süden und Zentrum des Landes jeweils 131 von 1000 Kindern in den ersten fünf Lebensjahren. Zehn Jahre zuvor hatte diese Zahl bei 56 gelegen (s.a. Tabelle und Grafik). Jeweils 294 von 100 000 entbindenden irakischen Müttern starben im Kindbett. Schon in früheren Berichten war festgestellt worden, daß die Zahl unter 5 Jahren gestorbener Kinder im Vergleich zu 1989 um mehr als 40.000 jährlich zugenommen hatten, die der übrigen Bevölkerung um 50.000. Todesursachen bei den kleinen Kinder sind vor allem Diarrhöe, Lungenentzündung und Unterernährung. Hinzu kommen viele andere Krankheiten, die unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr behandelt werden können. (UNICEF April 98, S. 42)

Kindersterblichkeit im Irak
Aktuelle Schätzungen der Kindersterblichkeit im Vergleich mit früheren Jahren:
Jahr unter 5 J. bis 1 J.
1960 17,1% 11,7%
1970 12,7% 9,0%
1980 8,3% 6,3%
1990 5,0% 4,0%
1995 11,7% 9,8%
1998 12,5% 10,3%

(Quelle UNICEF Iraq Child and Maternal Mortality Surveys., Juni 1999)

Alle Berichte, so auch der UN-Bericht vom März 99 stellen fest, daß vor 1990 die sozialen und ökonomischen Indikatoren durchgängig über dem regionalen Durchschnitt lagen. Unterernährung z.B. war vor 1990 kein Problem öffentlicher Gesundheit, der pro Kopfverbrauch an Nahrung war einer der höchsten der Welt. Die – kostenlose – Gesundheitsversorgung erreichte 97% der städtischen und 78% der ländlichen Bevölkerung. Durch das Embargo mußte das Gesundheitsbudget auf 5 bis 10% des früheren Betrags gekürzt werden. (UNICEF April 98, S.7 und 40). Krankenhäuser konnten seit 1991 nicht mehr gewartet werden, Bombenschäden nicht repariert. Neben dem Mangel an Medikamenten führt vor allem auch der Mangel an sauberem Wasser und der häufige Zusammenbruch der Energieversorgung zu einem ständigen Kollaps des Gesundheitssystems.

Der Kalorienverbrauch brach von 3.120 Kilokalorien auf 1.093 ein, fast ein viertel aller Kinder leidet nun an Unterernährung. Nachdem das monatliche Pro-Kopf-Einkommen von 50-100 US$ auf 3 bis 5 US$ sank, leben 4 Millionen Iraker nach WHO-Kriterien in extremer Armut (UNICEF April 98, S.27 u. 29).

Verheerend wirkt sich die miserable Trinkwasserversorgung auf die, durch Mangelernährung ohnehin geschwächte Gesundheit aus. Die Zerstörung von Trinkwasseranlagen durch Bomben und die Verweigerung der Mittel zur Reparatur der Anlagen und des Imports von Chlor führte dazu, daß nur noch 33% der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser hat – viele zuvor gut beherrschte Krankheiten, wie Malaria, Typhus und Cholera kehrten als Epidemien wieder und sind nun wieder weit verbreitet.

Auch der Bildungssektor war zuvor überdurchschnittlich entwickelt gewesen. "Irak, einst [in den 80er Jahren] von der UNESCO für seine aktive Förderung der Erziehung geehrt, erleidet nun die unvermeidliche Verletzung der ‚Konvention über die Rechte der Kinder auf Ausbildung‘. ... Dies beinhaltet den Mangel des meisten Basisschulmaterials, wie Schreibtafeln, Kreide, Bleistifte, Schulhefte und Papier (vom Sanktions-Komitee als "nicht essentiell" eingestuft), kein Zugang zu irgendwelchem Wasser und fehlenden oder nicht funktionierender sanitärer Anlagen." (UNICEF 4/98, S.87-88)

 

Entwicklung der Kindersterblichkeit im Irak

Die Grafik zeigt den großen Unterschied der Zahl der Toten (in Tausend) unter 5 Jahren nach den jüngsten Untersuchungen und die Zahl die zu erwarten gewesen wäre, wenn die Entwicklung der 80er Jahre sich in den 90er hätte fortsetzen können. (Quelle: UNICEF Iraq Child and Maternal Mortality Surveys., Juni 1999)

83% der Schulen sind stark renovierungsbedürftig, 8613 von 10.334 haben starke Schäden erlitten. Die mangelnde schulische Betreuung bei der gegebenen elenden sozialen Situation ist auch mit verantwortlich für die erheblichen Zunahme von Straßenkindern (UN-Report März 99), Jugendkriminalität, Betteln und Prostitution.

Auch die Landwirtschaft ist stark durch Krieg und Embargo beeinträchtigt. Die Bewässerungssysteme sind zusammengebrochen, die Anlagen wurden durch Bomben zerstört oder sind wegen fehlender Ersatzteile und Energie außer Betrieb. Die Tierzucht ist durch unkontrollierbare Ausbreitung von Seuchen, wie die Maul und Klauenseuche schwer geschädigt. Die Anlagen des Labors, das zuvor die nötigen Impfstoffe herstellte, wurde von der UN-Abrüstungskommission UNSCOM zerstört. Die übrige Landwirtschaft leidet unter dem Mangel an Dünger, Herbiziden und Pestiziden da auch hier die Anlagen zu eigenen Herstellung zerstört wurden und der Import unter Embargo steht.

Der oben erwähnte, vom UN-Sicherheitsrat selbst in Auftrag gegebene UN-Bericht vom März 99 stellt fest, daß das sog. "Nahrung für Öl"-Programm bei weitem nicht ausreicht den ökonomischen Verfall zu stoppen, geschweige den die humanitäre Situation wieder zu verbessern. Dieses Programm erlaubt dem Irak ein gewisses Quantum an Öl zu verkaufen und mit dem Teil, der nicht für Reparationen und die Arbeit der UN-Kommissionen verwendet werden muß, Nahrung und Medikamente zu kaufen.

Auch wenn die irakischen Stellen die verfügbaren Mittel nach Einschätzung der WHO sehr effizient und gerecht verteilen würde ein vielfaches benötigt um eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten und zudem die Aufhebung des Embargo und mehre 10 Milliarden jährlich um die Wirtschaft und damit die Möglichkeit zu Eigenversorgung wieder in Gang zu setzen.

Die obigen Angaben beziehen sich im übrigen nicht auf den ganzen Iraks. Ausgenommen sind die mehrheitlich von Kurden besiedelten Provinzen im Norden, die faktisch unter der Verwaltung westlicher Hilfsorganisationen stehen und wesentlich besser versorgt sind. Allerdings beeinträchtigt hier die Alimentation über frei verteilte Hilfsgüter die heimische landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion.