junge Welt Interview

22.08.2000
Gibt es noch irakische Massenvernichtungswaffen?
Gespräch mit dem früheren UNSCOM-Inspektor Scott Ritter

(Der US-Amerikaner Scott Ritter war bis 1998 im Rahmen der UNSCOM Waffeninspektor im Irak. Das von jW in Auszügen wiedergegebene Interview wurde vom arabischen TV-Sender »ALJAZEERA« am 16. August 2000 live geführt)

F: Sie waren sieben Jahre im Irak als Waffeninspektor der UN tätig. Vor kurzem haben Sie das Land als Journalist bereist. Hat sich die Lage geändert?

Ich habe im Irak für einen Dokumentarfilm recherchiert. Es standen also keine Kontrollmissionen, sondern Interviews mit Politikern auf dem Programm. Ich wollte ihnen Gelegenheit geben, ihre Positionen darzulegen. Der Zuschauer kann dann ein eigenes Urteil fällen.

F: Sie wollen mit dem Film belegen, daß der Irak keine Massenvernichtungswaffen mehr besitzt. Wie kamen Sie zu diesem Urteil?

Zu dieser Feststellung kam ich nach siebenjähriger Erfahrung als Waffeninspektor. Dieses Urteil teilen auch viele UNSCOM-Mitarbeiter. Der frühere Chef der UNSCOM, Rolf Ekeus, erklärte mehrmals, daß der Irak seit 1994 nicht mehr im Besitz von Massenvernichtungswaffen ist. Das Hauptziel meines Dokumentarfilms ist, die Informationen und die Tatsachen in einer objektiven Form darzustellen, damit die Menschen sich selbst ein Bild von der Lage machen. Damit soll gegen die Äußerungen Richard Butlers sowie amerikanischer und britischer Politiker gewirkt werden. Diese These wird tatsächlich benutzt, um die internationalen Sanktionen gegen das irakische Volk zu rechtfertigen.

F: Als Sie im August 1998 überraschend zurückgetreten sind, war einer der Gründe, daß der UN-Generalsekretär und sein Vertreter im Irak die Sanktionen unterstützten. In Washington wiederum stellt man Sie als Instrument des Irak dar.

Ich wurde schon als amerikanischer, russischer oder israelischer Spion dargestellt. Viele behaupten jetzt, daß ich für Bagdad arbeite. Tatsächlich stand ich, in welcher Position auch immer, für die Wahrheit und Fakten. Meine Kritik am UN-Generalsekretär oder dessen Vertreter im Irak richtete sich an den UN-Sicherheitsrat. Die derzeitige Situation ist vom Sicherheitsrat verursacht worden. Der Generalsekretär kann die Misere nicht lösen. Diese Aufgabe obliegt dem Sicherheitsrat.

F: In ihrem Buch »Endgame« beschreiben Sie den Irak als grausam und diktatorisch. Fühlten Sie sich während Ihrer letzten Reise bedroht?

Ich habe nicht vor, mich für meine persönlichen Einschätzungen zu entschuldigen. Es gibt im Irak vieles zu kritisieren. In meinen Arbeiten ist das aber nicht das vorrangige Thema, denn es geht um die Massenvernichtungswaffen und darum, ob die Fortsetzung der Sanktionen gerechtfertigt ist. Die Sanktionen treffen nicht nur die Führung, sondern 22 Millionen Menschen. Meine Rückkehr nach Bagdad war in Anbetracht meiner Vergangenheit als Waffeninspektor riskant. Ich wußte nicht, wie man mich dort empfängt. Mein Team und ich wurden aber sehr gut und respektvoll behandelt.

F: Was garantiert Ihnen denn, wo Sie der irakischen Führung doch wiederholt Täuschung vorwerfen, daß Sie bei der Recherche nicht selber irregeführt wurden?

Ich bin Analytiker. Dem Dokumentarfilm liegen Tatsachen zugrunde.

F: Wie aber kommt es zu Ihrer veränderten Haltung gegenüber den irakischen Behörden?

Sie beziehen sich auf die Zeit, zu der ich als Waffeninspektor für die UNSCOM tätig war. Wir waren an die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats gebunden. Als Inspektoren hatten wir nicht die Möglichkeit, neutral zu sein. Wir mußten die Entwaffnung zu 100 Prozent durchsetzen. Heute bin ich unabhängig und kann die Situation unabhängig beurteilen.

F: Der ehemalige UNSCOM-Chef Richard Butler behauptet auch nach seinem Rücktritt, daß der Irak über chemische und biologische Waffen verfügt.

Diese Äußerungen sind völlig unbegründet. Ich weiß nicht, wie er derart sicher auftreten kann. Als er Chef der Inspektoren war, gab es zweierlei Möglichkeiten, das nachzuweisen: Zum einen hätten wir ja Waffenlager oder Militäreinrichtungen finden können. Das taten wir aber nicht, und so blieb es bei der Vermutung. Alles, was wir gefunden haben, war eine Bestätigung der Überzeugung des ehemaligen Chefs der Inspektoren, Rolf Ekeus, daß der Irak über keine Massenvernichtungswaffen mehr verfügt.

Die zweite Möglichkeit der Inspektoren war die Beobachtung der Infrastruktur, um darüber Rückschlüsse auf die Möglichkeiten der Produktion von Massenvernichtungswaffen zu ziehen. Wir konnten aber keine Verletzung der Auflagen seitens der Iraker feststellen. Sie haben sich ganz strikt daran gehalten, die erlaubten Produkte herzustellen. Das sind die Tatsachen. Wenn Butler nun also derartige Behauptungen aufstellt, gießt er damit nur Öl ins Feuer.

F: Der Chef des neuen Kontrollgremiums schließt von vornherein aus, daß Waffenkontrollen effektiv durchgeführt werden können. Was bedeutet das für die Arbeit des Sicherheitsrates?

Bei dem Konflikt zwischen dem Sicherheitsrat und dem Irak sind die USA der Hauptakteur. Der Sicherheitsrat kann über die Entwaffnung des Irak von Massenvernichtungswaffen niemals hundertprozentig sicher sein. Das wissen auch die CIA und das US-Außenministerium. Der wahre Grund für die Fortsetzung des Embargos sind die Interessen der USA und nicht etwa die Frage der Bewaffnung. Kein Politiker in den USA kann heute das Thema Irak positiv aufgreifen, ohne daß ihm der Vorwurf gemacht wird, einen Diktator zu unterstützen, der von den Massenmedien verteufelt wird. Aufgrund des Vetorechts der USA ist der UNO-Sicherheitsrat unfähig, Entscheidungen zu treffen.

Interview: TV Aljazeera / Übersetzung: M. Azazmah

 

  Anzeige

© junge Welt