Die furchtbaren Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen auf den Irak

Ein Interview mit der Journalistin Felicity Arbuthnot

Von Barbara Slaughter

27. April 1999

aus dem Englischen (21. April 1999)

Am Samstag, den 17. April fand in London eine Demonstration gegen den Krieg in Jugoslawien und die Sanktionen gegen den Irak statt. Als Rednerin trat unter anderem Felicity Arbuthnot auf, eine freischaffende Journalistin, die sich auf soziale und Umweltfragen spezialisiert hat. Letztes Jahr wurde sie für den Lorenzo-Natalie-Preis nominiert, eine Auszeichnung für Journalismus, der sich für Menschenrechte einsetzt. Sie sprach mit dem WSWS über die Situation im Irak, wo sie seit Ende des Golfkrieges nicht weniger als siebzehn Mal gewesen ist.

Diese Demonstration heute beschäftigt sich immer noch mit dem Irak, weil die Sanktionen jetzt schon neun Jahre andauern. Sie haben dort die höchste Kindersterblichkeitsrate der Welt, und das in einem Land, das früher eine für ein "Entwicklungsland" sehr niedrige Kindersterblichkeitsrate hatte. Vor dem Krieg hatte 93 Prozent Zugang zu sauberem Wasser, und es gab ein sehr hoch entwickeltes Gesundheitssystem. Aber 1993 waren Unterernährung und Kindersterblichkeit so hoch wie in Mali. Das war nur drei Jahre nach Beginn der Sanktionen.

Die UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung hatte zuvor dem Irak angeraten, den größten Teil seiner Nahrungsmittel, Medikamente usw. zu importieren. Deshalb wurden siebzig Prozent von all dem importiert, als die Sanktionen anfingen. Dies schuf eine verzweifelte Situation.

Ich bin letzten Monat von meinem siebzehnten Besuch im Irak seit dem Golfkrieg zurückgekommen, und nächsten Monat gehe ich wieder hin. Mein erster Besuch war Ende 1991, weniger als ein Jahr nach Ende des Krieges. Ich habe gesehen, wie ein Land vom Unglück in die Katastrophe abgleitet. So einfach ist das. Ich habe schon eine ganze Menge Kriegsgebiete gesehen und bin bestimmt nicht naiv. Aber als ich dort war, habe ich gedacht, das ist einzigartig. Ich kann ehrlich sagen, daß ich noch nie eine solche Verwüstung gesehen habe - Orte, die praktisch über Nacht ins vorindustrielle Zeitalter zurückgeworfen worden sind, so wie es jetzt in Jugoslawien passiert. Die gesamte Infrastruktur wurde zerstört - Wasser, Strom, Telefon - was bedeutet, daß sie wirklich alles verloren haben.

Ein Beispiel: In letzter Zeit hat es viel Kritik gegeben, daß die Nahrungsmittel im Irak nicht verteilt würden. Aber außerhalb Bagdads gibt es kein Telefon, deshalb besteht keine Möglichkeit, mit dem Rest des Landes zu kommunizieren. Sie haben noch nicht einmal mehr Kühllastwagen, deshalb müssen sie alles sehr schnell zu einem Verteilungspunkt bringen. Aber es muß dort ein gekühltes Lagerhaus geben. Sie können nicht in Erfahrung bringen, woran gerade Bedarf besteht, und sie wissen nicht, ob es gerade Strom gibt oder nicht. Während des Golfkrieges ist alles zerstört worden, was vorher normal war, und seitdem ging es nur noch bergab.

Die Lebensbedingungen der Kinder sind herzzerreißend. Das ist ein Land, in dem die Kinder auf Müll angewiesen sind. Die meisten seit 1990 im Irak geborenen Kinder wissen nicht, wie Schokolade schmeckt. Spielsachen durften nicht importiert werden. Ping-Pong-Bälle durften nicht importiert werden - alles hat das für Sanktionen zuständige UNO-Komitee verboten. Man kann das alles beweisen. Papier, Bilderbücher, Schulbücher - alles, was Kinder zu einem normalen Leben brauchen, ist ihnen verweigert worden.

Und es ist noch schlimmer. Laut dem jüngsten UNICEF-Bericht hat der Irak die höchste Kindersterblichkeitsrate der Welt. Und wenn Kinder sterben, weil sie unterernährt sind oder nicht medizinisch versorgt werden können, haben die Eltern noch nicht einmal ein Foto von ihnen, wenn die Kinder nach 1990 geboren wurden. Fotomaterial ist nämlich auch verboten. Filme sind verboten, Entwicklungs-Chemikalien sind verboten. Wenn das Kind also stirbt, verschwindet es einfach, man hat noch nicht einmal ein Foto zur Erinnerung.

Natürlich kann man nicht sagen, welche schreckliche Situation die schlimmste ist. Aber ich kann euch sagen, warum ich mich so stark mit dem Irak beschäftige: In allen anderen Kriegsgebieten, in denen ich war, hatte ich immer diese kleine Stimme im Kopf, die sagte: "Das ist nicht meine Schuld. Es ist irgendein Macheten schwingender Schlächter in Ruana oder ein mörderischer Diktator." Aber das hier ist einzigartig, weil die Zerstörung und das Leid im Namen der UNO verursacht wird.

In Basra macht der sarkastische Witz die Runde, daß im Falle eines Krieges zwischen Frankreich und Großbritannien Basra bombardiert würde, weil Basra nämlich immer bombardiert wird.

Ich werde euch etwas über ein Krankenhaus berichten, das ich letzten Monat in Basra im Süd-Irak besucht habe. Ich habe eine Ärztin gefragt: "Darf ich mir euer Krankenhaus ansehen?", und sie sagte "Ja" und ging mit mir herum. Der Irak hat jetzt die höchste Rate von Frühgeburten und die höchste Rate von Säuglingen, die mit Untergewicht zur Welt kommen, aufgrund von Umwelteinflüssen, Unterernährung usw. Wir waren in einem Raum, da lagen 17 frühgeborene Babies, alle gesund zur Welt gebracht. Es gab aber keine ordentlich funktionierenden Brutapparate, keinen Sauerstoff und keine Geräte für die Wiederbelebung. Es gab absolut nichts. All diese Babies würden in Großbritannien oder irgendeinem normalen Land überleben.

Als wir in diesem Raum waren, ist gerade eines von ihnen gestorben - ein ganz gesundes Baby - und ich habe plötzlich gemerkt, wie ich wie eine Verrückte immer wieder sein kleines Gesicht streichelte, immer wieder. Es war noch warm, und ich hatte das seltsame Gefühl, daß ich es vielleicht irgendwie zurückholen könnte. Als wir en Raum verließen, sagte die Ärztin zu mir: "Wissen Sie, seit 1994 hat bei uns kein Frühgeborenes mehr überlebt."

Ich weiß, daß viele skeptisch sind, und manche Leute sagen mir: "Ach, du wirst doch einfach nur manipuliert", aber ich war schon so oft im Irak, daß ich an Orte gehen, die völlig ab vom Schuß liegen. Deshalb meine ich, daß das, was ich sehe wahr ist, und ich rede nicht über etwas, bei dem ich mir nicht sicher bin.

Im selben Krankenhaus in Basra passierte dann folgendes: Ein Fotograf, ein Übersetzer und ich waren gerade wieder auf die Straße hinaus gegangen, als zwei Ärzte hinter uns her rannten. Sie fragten: "Hat jemand von euch Blutgruppe Null negativ?" Ich geriet in Panik und konnte mich nicht an meine Blutgruppe erinnern, aber ich fragte die Ärztin, warum sie es wissen wolle. Sie sagte, daß ein neugeborenes Baby eine Bluttransfusion brauche, und sie hätten noch nicht einmal mehr eine ordentliche Blutbank, brauchten aber sofort Blut für dieses kleine Baby. Es ging um eine ganz einfache Sache. Mein eigener Sohn, als Frühgeburt auf die Welt gekommen, hatte das gleiche Problem gehabt. Ich sagte: "Versucht es mal mit mir, es ist nur, daß mir im Moment meine Blutgruppe nicht einfällt." Aber es ging nicht, weil sie nicht einmal die Laborgeräte hatten, um meine Blutgruppe zu bestimmen.

Dieses Baby litt an Gelbsucht, das konnte man sehen. Der Junge war hellgelb - und nur einen Tag alt. Seine Mutter war fast verrückt vor Angst. Der britische Verteidigungsminister George Robertson hat kürzlich über Kollateralschäden gesprochen. Das obszön. Was ich im Irak gesehen habe, waren solche "Kollateralschäden" - dieses Baby, in einem so armen Land, das auf den größten Ölreserven unseres Planeten sitzt.

Im Kosovo benutzt die NATO die gleichen Waffen und arbeitet mit der gleichen Dämonisierung. Sie haben einfach nur den "Schlächter von Bagdad" durch den "Schlächter von Belgrad" ersetzt. Und jede einzelne Person wird des Menschseins beraubt, wie diese Babies im Irak, wie diese Mütter im Irak. Wir benutzen die gleichen Waffen, wir vergessen auch, daß Serbien seit - ich weiß nicht wie vielen - Jahren unter UN-Embargo steht.

Ich kann euch sagen, was los ist, wenn ich nur einen Blick auf die Karte werfe. Man schaut auf Ex-Jugoslawien. Dann sieht man den Balkan und kommt zu unserem NATO-Partner Türkei, der ebenso an der Bombardierung beteiligt ist wie am Öl-fürNahrungsmittel-Abkommen mit dem Irak - und der daraus im übrigen eine ganze Menge Geld herausschlägt. Dann weiter unten kommen Syrien, Irak, Iran und Saudi-Arabien. Dann liegt im Osten die frühere Sowjetunion.

Jeder in diesem riesigen Gebiet fühlt sich unbehaglich, unsicher und nervös angesichts der NATO-Expansion. Angesichts dessen, was wir in den letzten drei Wochen getan haben, gibt es da ein gemeinsames Gefühl der Angst. Die Gefahr besteht, daß die ganze Region sich zusammenschließt und, wie Bismarck sagte, der nächste Weltkrieg mit einem dummen kleinen Fehler auf dem Balkan beginnt. Nur, daß es hier kein dummer kleiner Fehler ist. Was die NATO macht, ist skrupellos und verbrecherisch.

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