IRAK - Ein bitterer Jahrestag

Hans von Sponeck
ehemaliger UN-Koordinator für die humanitäre Hilfe im Irak

Über die tödlichen Auswirkungen der Sanktionen auf die Bevölkerung des Iraks

22. Februar 2001 · 20 Uhr
Theatersaal·Karlstorbahnhof · Heidelberg



Hans-Christof von Sponeckarbeitet seit 1968 für die Vereinten Nationen. Für das UN-Entwicklungsprogramm UNDP war er in Ghana, Pakistan, Botswana und Indien. Er war ab Herbst 1998 als Nachfolger Denis Halliday Koordinator des humanitären UN-Hilfsprogramms für Irak, bis er im Februar 2000 aus Protest gegen die Fortsetzung der Sanktionen seinen Rücktritt einreichte.

Lästiger Augenzeuge –
UN-Dipomat kritisiert westliche Irakpolitik

Innerhalb weniger Tage traten im Februar letztes Jahres zwei deutsche Spitzenfunktionäre der UNO von ihren Posten im Irak zurück. Nach dem Diplomaten Hans von Sponeck gab auch die Leiterin des Welternährungsprogramms (WFP), Jutta Burghardt aus Protest gegen das Embargo ihr Amt auf.

Hans von Sponeck der seit 1998 Leiter des humanitären UNO-Hilfsprogramms im Irak gewesen war, begründete seinen Schritt, damit, daß es unverantwortlich sei, das irakische Volk weiter leiden zu lassen. Von Sponecks Vorgänger, der Ire Denis Halliday, hatte aus ähnlichen Gründen nach 13 Monaten aufgegeben.

Von Sponeck hatte schon zuvor den Zorn der US-Regierung auf sich gezogen, da er regelmäßig die Stellen, wo Luftangriffe gemeldet worden waren, besichtigen ließ. Stets fand er die irakischen Angaben bestätigt. Jedes Mal ließ er auch Fotos machen: von den Toten, von abgesprengten Gliedmassen, zerstörten Beduinenzelten usw.. Diese für die US-Amerikaner und Briten peinliche Dokumentationen verteilte er an die zuständigen Stellen bei UNO und NATO.

Die USA drängten zwar energisch auf seine Ablösung, konnten sich aber in diesem Fall in der UNO nicht durchsetzen.

Von Sponeck setzte sich auch energisch gegen falsche Darstellungen der USA und in den westlichen Medien ein. Zum Vorwurf der Irak würde die Mittel nicht effektiv einsetzen, stellte er gegnüber der taz fest, " dass zum Beispiel für Januar dieses Jahres 91,7 Prozent aller Waren, die im Rahmen des humanitären Programms in den Irak gekommen sind, tatsächlich an die Endnutzer - also Krankenhäuser und, im Falle der Nahrungsmittel, an die Haushalte - gegangen sind. Das ist absolut keine schlechte Zahl."

Aber mit Hilfsprogrammen kann die katastrophale Situation nicht überwunden werden. Er hält umfassende Wirtschaftssanktionen generell für kein taugliches Mittel und schlägt vor, wieder mehr an die Ursachen der Krisenentwicklung zu gehen und auch die Probleme der betroffenen Länder ernst zu nehmen. "Ich glaube, man muß die Iraker – parallel zur Lockerung oder zum Aufheben der Sanktionen – sehr stark in Gespräche einbinden, ihnen dadurch versuchen klar zu machen, daß der friedliche Weg der produktivere ist. Ein Weg, der den Menschen im Irak zugute kommt und auf diese Weise dann auch das Problem mit löst."
 
.... Sein Vater weilte im Zweiten Weltkrieg als Truppenführer in der Krimgegend, als seine Einheit hoffnungslos verloren war. Zweimal beantragte Vater von Sponeck bei Hitler den Rückzug, um seine Leute zu retten. Zweimal verweigerte Hitler die Rettung seiner Soldaten. Dann handelte von Sponeck auf eigene Faust, verhinderte so die Vernichtung der Truppe - und wurde dafür von Hitler zum Tode verurteilt. Ein Gnadengesuch der Mutter bewahrte ihn vor der Exekution - vorläufig. Vater von Sponeck kam nach Germersheim ins Gefängnis. Doch zwei Tage nach dem 20. Juli 1944 wurde von Sponeck, der keine Verbindung zum Widerstand hatte, erschossen. Auch die Mutter starb durch die Hand der Nazis. Sohn Hans von Sponeck, 1939 geboren, zog aus dem grausamen Geschehen des Krieges Konsequenzen für sein Leben. Er gehört zu den ersten Kriegsdienstverweigerern der Bundesrepublik. Und "irgendwo bestand in mir der Wunsch, in meinem Leben etwas zu tun, was solche Entwicklungen in Zukunft verhindert", sagt Hans von Sponeck.

Zu den Vereinten Nationen kam er 1968, fünf Jahre bevor die Bundesrepublik Vollmitglied der Weltorganisation wurde. Seither arbeitet er für das Entwicklungsprogramm UNDP in New York und Genf, in den Entwicklungsländern Ghana, Pakistan, Botswana und Indien, ferner auch in der Türkei. Bagdad ist sein vorerst letzter Posten. Im Alter von 60 Jahren werden UNO-Beamte im Allgemeinen pensioniert. .....

Aus (Basler Zeitung vom 08. 01. 2000)